Meine Meinung
Wachstum um jeden Preis?
Als Anfang der 70er Jahre das Buch "Die Grenzen des Wachstums" von Donella und Dennis L. Meadows erschien, waren die Reaktion sehr gemischt. Besonders die Stimmen aus der Wirtschaft fielen eher negativ aus. Den Autoren mussten sich vorhalten lassen, sie würden "unverantwortliche Panikmache" betreiben und "linken Spinnern" das Wort reden. Dem Erfolg des Buches tat das keinen Abbruch, bis heute wurden über 30 Millionen Exemplare in 30 Sprachen verkauft.
Rund 40 Jahre später erschien Anfang März im Propyläen-Verlag ein Buch, das zu ähnlichen Debatten führen dürfte. Schon der Titel ist eine Provokation: "Exit – Wohlstand ohne Wachstum". Nun könnten die Vertreter der klassischen Wachstums-Ideologie das Werk in gewohnter Manier als irrelevantes Geschwätz ohne fachliche Expertise abtun, aber so leicht ist es nicht. Der Verfasser ist kein Geringerer als der renommierte Sozialforscher Meinhard Miegel, der bis 2008 das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn (IWG) leitete.
Miegels Ausgangsthese: Wirtschaftliches Wachstum ist zu einer regelrechten Ersatzreligion unserer Gesellschaft geworden, und zwar so sehr, dass Wachstum inzwischen als zwingende Voraussetzung für Wohlstand und ein funktionierendes Gemeinwesen gilt. In Wahrheit jedoch haben sich die Dinge längst umgedreht: Wachstum, so Miegel, mehrt unseren Wohlstand nicht mehr, sondern er gefährdet ihn.
Vieles spricht dafür, dass Miegel recht hat. Indizien dafür gibt es in vielen Bereichen der Wirtschaft, auch im Mittelstand. Analysiert man die Insolvenzen der deutschen Druckindustrie in den vergangenen Jahren, findet man auffallend oft Hinweise auf hausgemachte Krisen: In vielen Fällen wurde – mitunter ohne Sinn und Verstand – auf Umsatzwachstum gesetzt, und am Ende blieb nur ein Haufen Schulden.
Andere Unternehmen dagegen agierten eher besonnen; sie ließen sich nicht von unrealistischen Wachstumsfantasien zu kostspieligen Experimenten hinreißen, sondern sicherten zunächst ihr Basisgeschäft und waren daher widerstandsfähig, als die Rezession über Deutschlands Druckindustrie hinwegfegte.
Man darf gespannt sein, ob Miegels Thesen tatsächlich zu einem Umdenken führen. Die Diskussion über die Grenzen des Wachstums ist überfällig.

