Meine Meinung

Schwanzlurch-gesteuert

Clemens von Frentz

Wer sagt denn, dass man mit gedruckten Büchern kein Geld mehr verdienen kann? Man kann schon – wenn man beim (Ab-)Schreiben einige Dinge beachtet.

Der gemeine Schwanzlurch führte, literarisch betrachtet, über viele Jahrhunderte ein beklagenswertes Schattendasein. Anders als Rilkes Panther, Kafkas Käfer oder Süskinds Taube wurde dem possierlichen Molch der Einzug ins Feuilleton hartnäckig verweigert. Daran konnten auch prominente Tierfreunde wie Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann nichts ändern.

Fast also wäre die exotische Amphibie dem Vergessen anheimgefallen, hätte sich nicht Anfang 2010 die junge Autorin Helene Hegemann mit ihrem Debütroman "Axolotl Roadkill" zu Wort gemeldet. Das stellenweise sehr drastische Werk, dessen Titel auf einen mexikanischen Schwanzlurch aus der Familie der Querzahnmolche rekurriert, wurde von der Literaturkritik mit lautem Getöse aufgenommen und sorgte wochenlang für Schlagzeilen.

Für die Kritikerin der "Zeit" war es die "halluzinatorische Entladung eines traumatisierten Bewusstseins sowie die gleichzeitige Parodie davon", andere lobten die "pointierten Dialoge und scharf zugeschnittenen Szenen", und wieder andere waren nach eigenem Bekunden "schlicht überwältigt von so viel Authentizität". Grund genug also für die verantwortlichen Experten, Hegemanns Roman für den "Preis der Leipziger Buchmesse" zu nominieren.

Peinlich nur, dass die Verfasserin selbst zum Thema Authentizität offenbar ein gespaltenes Verhältnis hat. Zahlreiche Ideen und Passagen ihres hochgelobten Buches waren, wie Anfang Februar bekannt wurde, schlicht abgepinselt – geklaut aus dem erst 2009 veröffentlichen Roman "Strobo" des Berliner Bloggers Airen.

Für die ertappte Autorin kein Problem, denn aus ihrer Sicht ist der Schuldige längst ausgemacht. "Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist", so Hegemann laut "Süddeutsche Zeitung", dann müsse auch anerkannt werden, "dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation."

Chapeau, Frau Hegemann, das hat gesessen! Das Problem liegt also in den "Urheberrechtsexzessen" der klassischen Verlage, die das "Recht zum Kopieren und zur Transformation" noch nicht ausreichend anerkannt haben. Diese Begründung ist so sensationell, dass der "Preis der Leipziger Buchmesse" ihr eigentlich sicher sein müsste. Zumindest den Sonderpreis für die "literarische Frechheit des Jahres" hätte sie verdient.

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