Meine Meinung

Perspektivenwechsel

In der digitalen Welt schlägt das Analoge zurück.

Einen Tag vor Beginn der Leipziger Buchmesse und zwölf Kilometer von ihr entfernt diskutierten die Teilnehmer einer Verlagsveranstaltung ein Thema, über das in den letzten Jahren nun wirklich schon alles gesagt worden ist: Es ging um gedruckte versus digitale Medien und darum, wer wem den Garaus machen wird.



Auf dem Podium erklärte ein Software-Anbieter die Mega-Welt des Micro-Content: Der ist dank XML und Internet zum ersten Mal massenhaft und für jeden verfügbar. Was böte sich also Schönereres an, als ihn mit Wikis, e-Publishing, iPad und Co. kreuz und quer zu verknüpfen? Generell verstünden Verlage nichts von Content-Monetarisierung und deshalb werde es sie wohl auch bald nicht mehr geben. 



Die Betroffenheit im Publikum war naturgemäß groß. Noch größer wurde sie beim Thema Datenschutz. Ein Zuhörer berichtete begeistert vom selbstverständlichen Umgang seiner fünfjährigen Tochter mit den digitalen Medien. Wenn sie einmal groß sei, würden Informationen transparent und allerorts etwas völlig normales sein. Spätestens jetzt fühlte sich gestrig, wer nicht mag, dass irgendwelche peinlichen Bilder seiner Kinder in Facebook herumgeistern oder Handy-Apps dem Gegenüber auf der Straße verraten, wer man ist.



Vier Tage später war die Buchmesse vorbei. In den Medien las man über sie Zeilen wie "Analog bleibt wichtig", "E-Book als Staubfänger", "die bislang technisch ausgefeilteste Form des Lesens ist das gedruckte Buch" oder "Verleger können inzwischen nur noch schmunzeln, wenn das Buch wieder einmal für tot erklärt wird".



Wohl dem, der in Leipzig mindestens ein – hoffentlich gutes – Exemplar mitgenommen hat, hinter dem er sich von Zeit zu Zeit vor der allgegenwärtigen Schar der elektronischen Medienangebote verstecken kann.

Kommentare zu diesem Beitrag

Gerhard Märtterer - AlphaPicture.de , 26.03.2010:
Zu den Vorzügen des gedruckten Wortes passt ein sehr schönes auf YouTube Video mit einer ganz überraschenden Schlusspointe:
http://www.youtube.com/watch?v=RqO2fXukLJk&feature=player_embedded

Michael Dreusicke , 28.03.2010:
Sowohl dieser Text hier als auch das wunderschöne Video, auf das Herr Märtterer im Kommentar hinwies, sind digital, so wie unsere Kommunikation überhaupt immer mehr um Online-Bestandteile ergänzt wird. Medien, die hierzu keine Schnittstelle aufweisen, also nicht so einfach und effektiv kommuniziert werden können, werden da ins Hintertreffen geraten. Herkömmliche (Papier-)Bücher sind daher bedroht, auch wenn die erste Digitalisierungs-Welle (wie die erste Internet-Welle) mehr versprochen als gehalten und damit Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Wer das aber als Ende der Entwicklung missversteht, dem sei ein Blick in die parallele Musikwelt empfohlen, in der die Digitalisierung sich nicht nur durchgesetzt, sondern den Markt in seiner Struktur vollständig umgewältzt hat. Das kommt auf die Bücher mit Sicherheit genauso zu und bietet neue Marktchancen nicht nur für neue, sondern auch für die etablierten Unternehmen.

Gerhard Märtterer AlphaPicture.de , 29.03.2010:
Die Schnittstellen zwischen den analogen und digitalen Medien sind, wie Herr Dreusicke zu Recht bemerkt, das Entscheidende.

Wir nutzen z.B. personalisierte Printmedien wie Postkarten, Selfmailer, Transaktionsdrucke sowie personalisierte Zeitschriften-Covers, um einen Push-Effekt zu erzeugen, der die Adressaten ins Internet lockt. Dort erwartet jeden seine persönliche Landingpage (personal URL / PURL) mit eigens für jeden Adressaten individuell zusammengestellten Inhalten. Mit dieser sogenannten AIDA-PUSH Methode haben wir in den USA schon 7,4% Response erzeugt und einmal in der Schweiz sogar fast schon unglaubliche 24%.

Die Push-Wirkung von personalisiertem Print mit PURL-Schnittstellen ins Internet ist von reinen digitalen Medien fast nicht zu schlagen.

Michael Dreusicke, www.paux.de , 05.04.2010:
Der von Herrn Märtterer angesprochene Ansatz, Print als Ausgangspunkt und Trigger für digitale Services zu nutzen, wird sich vermutlich schon bald durchsetzen. Anders als Frau Laurinats obige Formulierung nahelegt, ist hierzu noch nicht alles gesagt, vielmehr entwickeln sich diese Technologien gerade eben erst zur Serienreife. Die aufgeworfenen Fragen betreffen sowohl die Art des Triggers (QR-Codes oder RFID/NFC) als auch -und das könnte noch bedeutsamer sein- die dahinterliegende technologische Infrastruktur: Welche Services sollen angestoßen werden? Worin genau liegen die Mehrwerte für den Nutzer? Wie lässt sich Content so weit dynamisieren, dass er möglichst personalisiert angeboten werden kann?

Es geht in keiner mir bekannten Veröffentlichung darum, dass ein Medium dem andere "den Garaus macht", sondern um die nutzenstiftende Kombination beider Welten.

Wir haben mit der von Frau Laurinat freundlicherweise so genannten "Mega-Welt des Micro-Content" auf der Veranstaltung 5 Services vorgestellt, die den meisten Verlagen als „Paid Services“ neue und vor allem wirtschaftlich relevante Monetarisierungsmöglichkeiten ihres Contents eröffnen: Zusätzliche Info-Layer zu Content-Objekten (Wörtern, Sätzen, Überschriften, Bildern etc.), Annotationsmöglichkeit von Content-Objekten, nutzergruppenspezifischer Content mit durch den Leser mit anpassbarer Schwierigkeit, integriertes E-Learning und semantische Facettensuche. Mit diesen Mehrwerten ausgestattet haben elektronische Varianten von Büchern eine eigene Daseinsberechtigung und sind via Paid Services monetarisierbar.

Am Ende wird der Leser über Papier und/oder Digital entscheiden. Unseren Verlagskunden ist weniger nach "Schmunzeln" zumute, sie nehmen vielmehr die massiven Veränderungen auf der Konsumenten-, Produzenten- und Verwertungsebene recht ernst und entwickeln sich mit dem Markt.

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