Die Glosse zur Woche
Großer Bruder
Was der Unterschied zwischen einem Buch und einem E-Book ist, erfuhren Amazon-Kunden in den USA auf die harte Tour
Von Daniel Schilling
Davon hätten Sie alle geträumt, die großen Brüder des vergangenen Jahrhunderts von Stalin bis Walther Ulbricht: Tief in die Bücherschränke ihrer Untertanen zu blicken und missliebige Literatur zu löschen. Doch was Stalin nicht konnte, kann Amazon allemal. Bücher löschen. E-Books genauer gesagt, die friedlich im Speicher der "Kindle"-Lesegeräte ihrer Besitzer schlummerten.
Ausgerechnet die Klassiker "Animal Farm" und "1984" von George Orwell löschte der Online-Buchhändler am vergangenen Freitag über jene Mobilfunkverbindung, mit deren Hilfe das hauseigene Kindle eigentlich neuen Lesestoff beziehen soll. Vielen Kunden war wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass sich über diese Verbindung auch mehr anstellen lässt.
Da half Amazon auch die Begründung nicht mehr, jemand habe die beiden Werke eingestellt, ohne die Rechte zu besitzen, plötzlich zeigten sich sehr deutlich die Unterschiede zwischen gedrucktem Buch und E-Book: Man kann es nicht verleihen, man kann es nicht weiterverkaufen und wenn man Pech hat, ist es plötzlich weg, weil irgendjemand der Meinung war, man dürfe es nicht haben. Schöne, neue Medienwelt.
Wer jetzt aber denkt, das Thema E-Book sei damit durch, der täuscht sich. Denn Orwell hin oder her, das E-Book wird sich durchsetzen. Doch die unschöne Affäre zeigt auch, dass es immer ein Medium mit Grenzen bleiben wird, neben dem viel Platz für andere Medien bleibt.
