Die Glosse zur Woche
Äh, war da was?
"Too big to fail", zu groß für eine Pleite – diese Parole wurde in den vergangenen Jahren immer wieder beschworen, wenn Experten über die riskanten Geschäfte des Finanzkonzerns Lehman Brothers sprachen. Das amerikanische Unternehmen, das 1850 von den aus Deutschland emigrierten Brüdern Emmanuel, Henri und Mayer Lehman gegründet worden war, erwirtschaftete lange Zeit traumhafte Renditen, bis im Herbst 2008 plötzlich Schluss mit lustig war.
Die Bank brach zusammen, und fast 30.000 Mitarbeiter standen über Nacht auf der Straße.Die Wochen danach gehörten den Experten, die sich an einer Analyse des Desasters versuchten. Es begann eine Zeit, in der selbst Krawallblätter wie die "Bild"-Zeitung über Ethik und Moral philosophierten, und (fast) alle waren sich einig: Das Debakel kam nicht schicksalhaft über uns, sondern war die direkte Folge eines menschlichen Versagens, ausgelöst durch Gier, Rendite-Wahn und verantwortungsloses Handeln auf höchster Ebene.
Einigkeit bestand auch in dem Wunsch nach einer grundlegenden Änderung der Verhältnisse. Fortan sollten wieder echte Werte im Mittelpunkt stehen, und die irrwitzigen Bonus-Orgien der Banken, finanziert mit dem Geld der Anleger und Kunden, sollten für alle Zeiten der Vergangenheit angehören. Auf dieses Ziel schwor man sich ein, und alle waren dafür – selbst die ranghohen Vertreter der Politik, die sich lange Zeit in Sachen Wirtschaftkritik vornehm zurückgehalten hatten.
Was ist von alledem geblieben? Wenig. Auch wenn es für eine abschließende Bilanz noch etwas früh ist, lässt sich doch absehen, dass der Großteil der guten Vorsätze wohl auf der Strecke bleiben wird. Die Banken konzentrieren sich wieder auf das lukrative Investment-Business und den Handel mit dubiosen Papieren, und Deutschlands Wirtschaftsbetriebe, vor allem solche aus dem Mittelstand, müssen wieder Männchen machen vor den Sachbearbeitern ihrer Bank, wenn es um Kredite für Investitionen geht. Ganz wie in alten Zeiten.
Man darf also gespannt sein, welche Beschlüsse die Finanzexperten beim G-20-Gipfel Ende September in Pittsburgh fassen. Der Ausgang wird entscheidend davon abhängen, ob der immer wieder beschworene Reformeifer bis dahin hält. Falls nicht, ist die nächste Krise nur eine Frage der Zeit.

