Praxisfall

Rätselhafte Kratzer auf Faltschachtelkartons

Warum es trotz ausreichender Scheuerfestigkeit zur Reklamation kommen kann.

Von Georg Pantel

 

Drucksachen müssen ausreichend widerstandsfähig sein gegenüber der mechanischen Beanspruchung in Druck und Weiterverarbeitung sowie beim Transport und letztlich auch beim Gebrauch selbst. Inwiefern die Produkte Beanspruchungen standhalten, hängt stark von der Bedruckstoffoberfläche, der Farbe und einer eventuell aufgebrachten Schutzlackierung ab. Wie kann im Reklamationsfall nachgewiesen werden, dass diese drei Parameter stimmen und die Stabilität der gelieferten Ware durchaus ausreicht?

Die Mikroaufnahme macht’s sichtbar: In den Karton bohrt sich ein Glaspartikel.
Die Mikroaufnahme macht’s sichtbar: In den Karton bohrt sich ein Glaspartikel.

Im Fallbeispiel der fogra wurde ein pharmazeutisches Produkt in 0,2-Liter-Glasflaschen abgefüllt. Diese wiederum wurden in Faltschachteln verpackt, die in Umkartons gestapelt wurden. Nach dem Transport per LKW beanstandete der Abnehmer die Sendung wegen starker Kratzspuren auf den Faltschachteln.

Der Drucker vermutete zunächst, dass eine schlechtere Kartonqualität im Vergleich zu den früheren Lieferungen für die Reklamation verantwortlich war. Schließlich erhielt die fogra den Auftrag, anhand von zur Verfügung gestellten Materials zu
untersuchen, warum es tatsächlich zu den Kratzspuren gekommen war.

Untersuchungen
Bei der visuellen Beurteilung wiesen die mit einem Dispersionslack geschützten Faltschachteln an verschiedenen Stellen sehr deutliche Kratzer auf. Unter dem Rasterelektronenmikroskop war eine Vielzahl von Furchen zu erkennen, die die Lack- und Druckfarbenschicht sowie den Strich des Kartons teilweise freilegten. Diese Beobachtung deutete bereits darauf hin, dass die Beschädigungen entweder aufgrund einer sehr empfindlichen Kartonoberfläche oder aber durch aggressive Fremdstoffe entstanden sein mussten. Die letztgenannte Vermutung bestätigte sich aufgrund glitzernder Partikel.

Als Nächstes nahm die fogra vergleichende Scheuertests an Proben von Druckbogen aus der beanstandeten Lieferung und Druckbogen aus früheren Fertigungen vor. Es zeigte sich in allen Fällen eine für ein dispersionslackiertes Produkt zufriedenstellende Farb- und Lackhaftung. Abriebprüfungen an den im Labor lackierten Probedrucken belegten ebenfalls durchweg einen einwandfreien Scheuerschutz.

Dann nahm die fogra eines der glitzernden Partikel mit dem Rasterelektronen-Mikroskop auf. Dabei wurde ein hartes Partikel mit glatter Oberfläche sichtbar, das teilweise im Karton eingeschlossen war. Die Form deutete darauf hin, dass es sich um einen Glassplitter der abgefüllten Flaschen handeln könnte. Um dem Verdacht nachzugehen, entnahm die fogra von einer mitgelieferten Flasche Glassplitter und erstellte davon ebenfalls eine Aufnahme mit dem Rasterelektronen-Mikroskop. Im direkten Vergleich war eine gute Übereinstimmung zwischen den eingeschlossenen Partikeln und den Splittern der Flasche festzustellen.

Fazit
Die Untersuchungen haben ergeben, dass die Faltschachteldrucke mit der Dispersionslackierung eine normale Scheuerfestigkeit aufwiesen. Das Ergebnis war identisch mit denjenigen von früheren, nicht beanstandeten Lieferungen.
Bei den an einigen Zuschnitten beobachteten harten Partikeln handelte es sich um Glassplitter, die ganz offensichtlich von den verpackten Flaschen stammten. Sobald sich abgelöste Partikel verteilen können, spielt die Bewegungsfreiheit der einzelnen Verpackungen eine große Rolle. Die gewählte Verpackungsart im Umkarton ermöglichte einen zu hohen Spielraum zwischen den benachbarten Faltschachteln, der die Verteilung der abrasiven Glassplitter noch zusätzlich gefördert hatte.

Ursachen & Abhilfen

  • Ein ausreichender Scheuerschutz von Faltschachtelkartons ist mit der Wahl geeigneter Bedruckstoffoberflächen, Druckfarben und möglicher Schutzlackierungen gewährleistet.
  • Entstehen dennoch Kratzspuren, gilt es, die Qualität des gelieferten Kartons zu prüfen sowie die Transportbedingungen der fertigen Faltschachteln. Zum Beispiel können durch ungeeignete Umkartons Fremdpartikel eindringen und zu mechanischer Beschädigung führen.

 

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